5
Apr
2010

Oster-Haiku

Burnand

Heller Frühlingstag -
einsam liegt ein großer Stein
neben einem Grab

(Bild: Eugène Burnand, Am Morgen der Auferstehung -
Die Jünger Petrus und Johannes auf dem Weg zum Grab)
931 mal gelesen

4
Apr
2010

Wir kleinen Dichterlein

Schiller2

Dichter dichten um die Wette
Vilanellen und Sonette,
Haiku, Pantun, Limericks.
Und dem Meister wird zum Lohne
aufgesetzt die Dichterkrone,
er beherrscht ja alle Tricks.

All die jungen und die alten
Leser wollen unterhalten
sein, dann rufen sie: "Bravo!"
Immer schön aufs Zwerchfell zielen,
wohl bedacht mit Worten spielen,
dann zieht jeder den Chapeau.

Für den Feingeist die Metapher,
eine Zote für den Gaffer,
für die Damenwelt die Kunst.
Mal was Schweres, mal was Leichtes
und zur Abwechslung was Seichtes,
Hauptsach, es ist nicht verhunzt.

In unsern modernen Zeiten
lässt es sich gar trefflich streiten,
wenn auch um des Kaisers Bart.
Ach, wir Dichter sind nur Zwerge,
wir versetzen keine Berge.
Doch die Verslein sind apart.

(Bild: Anton Graff, Friedrich Schiller)
894 mal gelesen

29
Mrz
2010

Nacht

Faust

"Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen."
(Goethe: Faust, Der Tragödie erster Teil, Nacht)

Und schaue ich mich heute um,
sehe ich: Weiter sind wir dumm,
daß wir so blind durchs Leben gehn,
wir tun so, als wär nichts geschehn,
nichts, was Mephisto uns gelehrt,
wissen, ein Leben ist nichts wert,
können, wie Doktor Frankenstein,
das Schöpferlein von Monstern sein,
will sagen, Wissenschaft und Kunst
mir scheinen bloßer Schwefeldunst,
schier werd ich da zum armen Tor,
das kommt mir alles gruslig vor.
Herz, weine mit mir eine Träne,
verbrennen wir die bösen Pläne!

(Bild: Tony Johannot, Faust und Mephisto in Fausts Studierzimmer)
945 mal gelesen

28
Mrz
2010

Sonnenstrahl

Strohhut

Am Nachmittag, so gegen Vier,
es gab grad Kaffee ohne Kuchen,
standst du auf einmal vor der Tür,
um meinen Liebsten zu besuchen.

Du trugst nen Strohhut auf dem Kopf
und strahltest über beide Ohren,
vom Wind zerzaust dein Lockenschopf,
Nullkommanix war ich verloren.

Doch war da schon der andre Mann,
der Junge, Schöne, Stolze, Kühle.
Du lachtest meine Freundin an,
schon warn wir mitten im Gewühle.

Die Freundin wollt auf Reisen gehn,
worauf sich zarte Bande lösten.
Wie gern erhörte ich dein Flehn
und küsste dich, um dich zu trösten.

Was mancher nur im Kino sah,
erlebten wir im wahren Leben:
Ne stürmische Ménage à trois!
Könnte es je was Schönres geben?

Ihn liebte ich am blauen Meer
und dich im heftigen Mistral.
Ein Kosen hin, ein Küssen her,
wir hatten nicht die Qual der Wahl.

Der Sommer ging und nahm dich mit.
"Adieu, mein Schatz, wir sehn uns wieder!"
Welk war das Laub und schwer der Schritt,
in Moll erklangen alle Lieder.

Der Stolze sprach: "Entscheide dich!"
War ihm verfallen, bin geblieben.
Und weinte trotzdem bitterlich,
als ich den Abschiedsbrief geschrieben.

Es war einmal, schon lang ist’s her,
heut lässt sich leicht darüber scherzen.
Lauf ich durchs Leben kreuz und quer,
nehm ich dein Strahlen mit im Herzen.

(Bild: Vincent van Gogh, Stilleben mit Strohhut)
1066 mal gelesen

4
Mrz
2010

haikuchen für zwei

KundB

katerbrüderchen
augknöpfchen bernsteinumglänzt
schäfchenwölkchenweich
887 mal gelesen

2
Feb
2010

Im Schlachthaus

Corinth

In einer düstren Stube wabert Dampf,
ein Ochse hängt darin im eignen Blut.
Zu Boden strömt die brennend rote Flut,
zeugt als Fanal von seinem Todeskampf.

Die Männer tun ihr Werk in stummer Wut.
Zwar wand das Tier verzweifelt sich im Kampf,
doch nützte kein Gebrüll und kein Gestampf,
die Mörder schlugen zu, geschickt und gut.

Sie kreuzigten die arme Kreatur,
nun wüten sie bis in die tiefe Nacht
und brechen ihr die Knochen, kalt und stur.

Als ich das Bild sah, hab ich mir gedacht:
Wie schön und friedlich wäre die Natur
ohne der Menschen Durst nach Blut und Macht.

(Bild: Lovis Corinth, Im Schlachthaus)
1262 mal gelesen

1
Feb
2010

Olympia

Manet1

Olympia, du Kühle, du Kokette!
Mit rosenzartem Leib und festen Brüsten,
mit deinem frechen Mund, dem vielgeküssten,
so thronst du aphroditengleich im Bette.

Ach, wenn die Herrn Betrachter alles wüssten,
was deine Dienstmagd zu verraten hätte
und auch das Kätzchen an der Lagerstätte -
wie sehnten sie sich nach verbotnen Lüsten!

Dein Bildnis, präsentiert von einem Meister,
verstoße, hieß es, gegen gute Sitte
und sei unappetitliches Gekleister.

Doch schlich sich nachts Napoleon der Dritte,
wie mancher der moralbeflissnen Geister,
zu dir, rasch zu verjubeln die Rendite.

(Bild: Édouard Manet, Olympia)
883 mal gelesen

26
Jan
2010

Juan Diego und unsere Liebe Frau von Guadalupe

Guadalupe

Juan Diego war ein armer kleiner Indio,
den niemand Lesen oder Schreiben je gelehrt,
doch hat man damals ihn zum Christentum bekehrt
in Cuantitla, einem kleinen Dorf in Mexiko.

Da hat Maria weiße Rosen ihm beschert
an einem Wintermorgen bei Tlaltelolco.
Der Bischof sah ihr Bild auf Diegos Umhang, so
war's ihm den Bau einer Kapelle für sie wert.

San Diego wird gewiss im Himmel thronen,
er schenkte Christi Herde viele Schafe,
Aztekenbrüder, runde acht Millionen.

Sie singen unsrer Lieben Frau ihr Ave,
die Wallfahrt zur Kapelle soll sich lohnen.
Auf dass der Quetzalcoatl ewig schlafe.

(Unsere Liebe Frau von Guadalupe,
Bildnis auf Juan Diegos Umhang)
964 mal gelesen
logo

Verlorenes Paradies

Halbe Frau

Inhalt

Verlorenes Paradies


development