4
Dez
2009

Puten

Puten

Dieses Gedicht ist nicht erbaulich,
nein, es ist vielmehr unverdaulich.
Denn heute will ich euch erzählen,
wie Menschen arme Tiere quälen.

In engen Ställen leben Puten,
müssen fürs Weihnachtsfestmahl bluten.
Nach zweiundzwanzig schlimmen Wochen
kann man sie kaufen und fein kochen.

Sie wiegen einundzwanzig Kilo,
das Mästen macht sie jedoch nie froh.
Krumme Skelette kann man sehen,
die Tiere können nicht mehr gehen.

Können kaum schnaufen, leiden Qualen,
werden sogar zu Kannibalen.
Auf blutig krüppeligen Zehen
müssen sie in der Scheiße stehen.

Rund zehn Prozent sterben schon frühe,
oft macht man sich nicht mal die Mühe,
ihre Kadaver wegzuräumen,
man will ja keine Zeit versäumen.

Medikamente, Salmonellen
und Zusatzstoffe in den Zellen.
Auch wenn die Werbung es verspricht,
dem Wohlbefinden dient das nicht.

Am Ende werden sie verfrachtet,
am Schlachthof im Akkord geschlachtet.
Ich bitt', drum wollt ich es berichten,
auf Puten künftig zu verzichten.

(Bild: Putenmast, www.tierschutzbilder.de)
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1
Dez
2009

Ramona

ramona_adios

12. Oktober 96
auf dem Zócalo
von Mexico City

Eine kleine Frau
betritt
die Tribüne

Schwarz vermummt
im bunt gewebten Rock
Kommandantin Ramona

Mit fester Stimme
sagt sie
Nunca más

Nie mehr ein Mexiko
unser Land
ohne uns

Nie mehr ein Leben
ohne Hoffnung
ohne Sinn

Nie mehr ein Mann
ohne Kraft
ohne Mut

Nie mehr eine Frau
ohne Würde
ohne Recht

Nie mehr ein Kind
ohne Brot
ohne Buch

6. Januar 06
auf der Straße
nach San Cristóbal

Eine große Frau
verlässt
die Bühne

Die Völker Mexikos
weinen
um Ramona

Am Tag der Toten
bringen sie ihr
Mais und Mangos

Der Tagelöhner
und die Marktfrau
mit ihrem Kind

Sie sagen
mit fester Stimme
Nunca más

***

12th October '96
on the Zócalo
of Mexico City

A small woman
enters
the stand

hooded in black
dressed with a colourful woven shirt
commandant Ramona

Firmly
she says
Nunca más

Nevermore a Mexico
our country
without us

Nevermore a life
without purpose
without hope

Nevermore a man
without strength
without bravery

Nevermore a woman
without right
without dignity

Nevermore a child
without bread
without books

6th January '06
on the road
to San Cristóbal

A great woman
leaves
the stage

The people of Mexico
cry for
Ramona

On the Day of the Dead
they bring to her
corn and mangos

The peon
and the market woman
with her child

Firmly
they say
Nunca más

(Bild: Schools for Chiapas, Ramona Adiós)
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27
Nov
2009

Likör

Ury2

Im Wein liegt Wahrheit, Wut im Schnaps,
vom Bierfreund setzt es einen Klaps.
Ich sitz allein in der Budik,
mach mir nen Kopf um Politik.

Im Schampus schwimmt die Haute-Volée,
der Pfeffersack säuft Rum mit Tee,
das Straßenkind, das schnüffelt Leim,
nennt einen Pappkarton sein Heim.

Wen intressiert schon mein Gebell,
wen rührt mein flammender Appell,
der Lyrikerin Wortgewalt
lässt selbst den letzten Zecher kalt.

Voll Kummer sitz ich da und wein,
doch da fällt Wilhelm Busch mir ein:
"Es ist ein Spruch von alters her:
Wer Sorgen hat, hat auch Likör."

Die einzig wahre Seligkeit
hält fruchtiger Likör bereit.
Ob Minz, ob Kirsch, ob Schleh man wählt,
der geistreiche Genuss nur zählt.

Rubinrot, golden, wonnig, süß
wie Nektar aus dem Paradies
beflügelt der Likör das Wort,
erwärmt das Herz an jedem Ort.

Schnell winke ich den Wirt heran,
da spricht ein hübscher Mann mich an:
"Komm, trink mit mir, ich lad dich ein,
will heut mit dir zusammen sein."

Die Politik, die kann mich mal,
der Weltschmerz ist mir piepegal.
Ein süßes Früchtchen im Likör
und eins im Arm, was will ich mehr!

(Bild: Lesser Ury, Frau in Rot)
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25
Nov
2009

Immergrüne Lyrikwiese

Wiese

Von einer immergrünen Lyrikwiese
gibt es viel Wundersames zu berichten:
Ein Satanspilz schreibt gruslige Geschichten
und Limericks en masse, und zwar ganz fiese.

Versonnen lauscht ein vierschrötiger Riese
im kühlen Schatten kirchturmhoher Fichten
den bittersüß romantischen Gedichten
der Blumenfee und denkt nur noch an diese.

Ein stolzer Admiral umschwirrt versunken
ein reimend Kräuterweib mit grünen Haaren,
von ihrer Poesie ganz liebestrunken.

Euterpe selbst, belesen und erfahren,
trägt in die frohe Schar den hellen Funken
der hohen Dichtkunst, ewig jung an Jahren.

(Bild: In Chiapas)
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18
Nov
2009

Ein Stein

Stein

Mein Lebtag lauf ich kreuz und quer
meiner Bestimmung hinterher.
Ich grüble und ich frage mich:
Wer bin ich, wohin gehe ich??

Zu Höherem bestimmt, gewiss,
verstand das Schicksal wohl was miss:
Ich leb im Wolkenkuckucksheim,
geh Bauernfängern auf den Leim,

schufte für andrer Leut Karriere,
komm Stärkeren stets in die Quere,
will Toleranz und Fantasie,
doch rufen alle: Utopie!

Kann keine Fliege leiden sehn,
kann diese Welt nicht mehr verstehn,
glaube an Gott, doch Gott ist tot,
seitdem herrscht Dunkelheit und Not,

herrscht Hochmut, Habgier, Völlerei,
herrscht Lüge, Hass, Hurrageschrei.
Ich suchte Liebe, suchte Glück,
bekam mein Herz kaputt zurück.

Schnell mach ich meine Türe zu,
dann hat die liebe Seele Ruh.
Stieg aus dem Luftschloss gern hinab
zur ewgen Ruh ins kühle Grab...

Doch ist die Welt auch "hunds"gemein -
ich rolle weiter meinen Stein.
Schon David hat es ja bewiesen:
Ein kleiner Stein erschlägt den Riesen!

(Bild: Zapotekenstätte in Mitla, Oaxaca)
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8
Sep
2009

Kirche San Juan Chamula

Chamula

Weiße Mauern, bunte Pforte,
einst erbaut für San Juan.
doch der Pilgerscharen Worte
gelten auch dem Kukulkan.

Drinnen brennen tausend Kerzen,
die den bösen Geist vertreiben.
Krücken und gebrochne Herzen
solln am Ende liegen bleiben.

San Juan trägt einen Spiegel,
der zeigt kummervolle Mienen.
Posh und Weihrauch aus dem Tiegel
sollen der Erleuchtung dienen.

Kiefernnadeln auf den Stufen,
vor Altären Gladiolen.
Während die Schamanen rufen,
hört man die Betrunknen johlen.

Sie begehen Rituale,
flehen zur Guadalupe,
bringen Opfer dar im Saale,
essen selbst nur Wassersuppe.

Beten, warten, Gott ergeben
und den Herrn im weißen Kragen.
Dieses armselige Leben
ist im Rausch nur zu ertragen.

Hühnerblut klebt an den Händen
und die Demut lähmt die Glieder.
Wird sich je das Schicksal wenden
beim Gesang der frommen Lieder?
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1
Sep
2009

Die Farben von Chiapas

Chiapas2

Schwarz der Zopf der jungen Frau,
darin leuchten bunte Bänder.
Sonnengelb und Himmelsblau
webte sie in die Gewänder.

Auf dem Markt gibt’s gelbe Früchte,
rote Bohnen, blaue Fische.
Blassgelb brutzeln die Tortillas
überm Feuer in der Küche.

Wie Smaragde und Türkise
schimmern Wasserfall und Meer.
Sattes Grün, maisgoldne Süße
lasten auf den Gipfeln schwer.

Der Hibiskusblüten Flammen,
feuerrot, orange und blau.
Blumen, wundersam die Namen,
tragen Farbenpracht zur Schau.

Klein und grün die Papageien,
groß und braun das Krokodil.
Aus dem Urwald dringt das Schreien
gelber Jaguare schrill.

Schildkröten, die moosgrün funkeln,
Schmetterlinge flattern bunt.
Oft begegnet mir im Dunkeln
noch ein ockergelber Hund.

Einen Rock so weiß wie Schnee
trägt der greise Kirchendiener.
Kiefernzweige grün wie Klee,
drauf grellrot das Blut der Hühner.

Grün das Land der Lakandonen,
golden der Madonna Kleid.
Land, auf dem die Götter thronen,
trotzig bunt in all dem Leid.
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30
Jul
2009

Fernweh

Monte Albán

Genug geschuftet und gespart,
nun geht es bald auf große Fahrt.
Im wilden, fernen Mexiko,
da werd ich meines Lebens froh.

Im Luftschiff statt auf der Galeere
reise ich über sieben Meere.
Ich kann die Welt von oben sehn,
als freie Frau vor Anker gehn.

Da brauch ich keinen Ballermann,
auch keinen Mann, der alles kann.
Den Pelikan am großen Meer,
den liebe ich von Herzen sehr.

Ich werde mit den Papageien
im Dschungel um die Wette schreien.
Umschwirrt von kleinen Kolibris,
fühl ich mich wie im Paradies.

Schildkröten, Krokodile, Schlangen
brauchen ums Leben nicht zu bangen.
Ich esse ja zu Mittag bloß
Tortillas, Chilis und Arroz.

Wenn Mariachi-Lieder klingen,
will ich graziös das Tanzbein schwingen.
Am Kopf nen breitkrempigen Hut,
fließt in mir Zapotekenblut.

Der Sierra Madre grüne Pracht,
den Stillen Ozean bei Nacht,
das alles möcht ich gerne sehn,
auf Fiestas meine Runden drehn.

Ach wildes, fernes Mexiko,
nach dir nur sehne ich mich so.
Breit deinen Blütenteppich aus,
dann fühle ich mich gleich zu Haus.

(Bild: Sacred Sites, Monte Albán)
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