21
Jul
2009

Unterwegs

Otto-Mueller

Den Rucksack auf dem Rücken,
den Daumen in den Wind.
Ob ich auf dieser Brücke
wohl einen Fahrer find?

Fünf Tage in der Wüste,
kaum Wasser und kein Mann.
Nachts starren meine Brüste
nur die Kojoten an.

Die Sonne brennt wie Feuer,
Schweiß rinnt ins Dekolleté.
Ich sehn mich ungeheuer
nach einem Mann aus Schnee.

Da hält ein weißer Wagen
an meiner Seite an.
"Wohin?" hör ich ihn fragen,
den hübschen jungen Mann.

"Ans Meer!" so sag ich leise.
"Okay," sagt er, "steig ein!"
Und so geht diese Reise
nun weiter mit uns zwein.

Ich spiel ihm ein paar Lieder
auf der Maultrommel vor.
Wir singen immer wieder
"El Topetón" im Chor.

Dann essen wir Tortilla
mit Kaktusscheiben drin
und trinken viel Tequila,
bis ich ganz müde bin.

Ein Bett auf weicher Erde,
die Luft ist süß und schwer.
Dass ich nicht schlafen werde,
kommt nicht von ungefähr.

Er küsst mich und verwöhnt mich
die ganze lange Nacht.
Das Morgenrot verschönt mich,
nun auf den Weg gemacht.

Zusammen auf der Reise
auf unbestimmte Zeit.
"Wie schön!" so sag ich leise.
"Ans Meer ist's ja noch weit!"

(Bild: Otto Müller, Liebespaar)
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18
Jul
2009

Das Riesenrad, das Riesenrad

kandinsky

Das Riesenrad, das Riesenrad
dreht sich und es wird nimmer fad!

Ich kann die Welt von oben sehn,
mich immerzu im Kreise drehn,
seh tausend goldne Lichter blinken,
von weitem ein paar Leute winken.

Das Riesenrad, das Riesenrad
fährt mich zu meinem Traumgestad!

Die Gondeln, kunterbunt gelackt,
sie tanzen im Dreivierteltakt,
ich höre helles Kinderlachen,
ein Pärchen macht ganz schlimme Sachen.

Das Riesenrad, das Riesenrad
ist schöner als ein Wellenbad!

Das Rad steht still, die Zeit ist um.
Ich wanke kreidebleich und stumm
hinüber zum Toilettenwagen,
die Rundfahrt liegt mir schwer im Magen.

Vom Riesenrad, vom Riesenrad
dreht sich der Kopf mir, das ist schad!

(Bild: Wassily Kandinsky, Composition VII)
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16
Jul
2009

Die kluge Susi

manet

In einem kleinen Städtchen,
da lebte einst ein Mädchen,
das hatte ein Gespusi:
ein Kätzchen namens Susi.

Das konnte ganz laut schnurren,
nie hörte man es murren.
Es ließ sich knuddeln, tragen,
chauffiern im Puppenwagen.

Es konnte apportieren
und öffnete auch Türen.
Nachts schlich es aus dem Bette
und ging auf die Toilette.

Und heimlich zur Belohnung
gab’s in der kleinen Wohnung
Schlagrahm, bis es fast platzte
und vor Vergnügen schmatzte.

"So klug ist dieses Kätzchen
und solch ein liebes Schätzchen,
es wird bestimmt gelingen,
ihm’s Sprechen beizubringen!"

Nun sitzt es in der Schule
ganz brav auf einem Stuhle,
und schon nach ein paar Tagen
hört man es "Mama" sagen.

(Bild: Pierre-Auguste Renoir, Mademoiselle Julie Manet mit Katze)
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29
Jun
2009

Das Massaker von Glencoe oder vom Wert der Gastfreundschaft

GlencoeMassacre

Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.
Sie kamen, die MacDonalds zu besuchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Die Gastfreundschaft, als edelste der Taten,
Die musste man im Hochland nicht lang suchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.

Wohl roch MacDonald frühzeitig den Braten:
Die Campbells konnte William für sich buchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Doch als sie an dem Tor um Einlass baten,
Da gab es Obdach, Abendmahl und Kuchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.

Frühmorgens schritten sie zu Greueltaten.
MacDonald ruht in weißen Leichentuchen.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

Den Edlen will ich drum zur Vorsicht raten,
Die Campbells bis zum jüngsten Tag verfluchen.
Ins grüne Tal marschierten die Soldaten.
Und Bruderherz hat Bruderherz verraten.

(Bild: James Hamilton,
Massacre of Glencoe February 13, 1692)
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23
Jun
2009

Die zwei neuen Hausgenossen

Marc

Eine Frau fand einst zwei Kater,
hatten Mutter nicht noch Vater.
Obdachlos und ohne Schutz
lebten sie im Straßenschmutz.

Mutig fing sie die zwei Scheuen,
ach, sie sollten’s nicht bereuen.
Nie mehr Hunger, Kälte, Streit,
auch ein Bettchen allezeit.

Als ich sie mir angesehen,
war’s sofort um mich geschehen:
Bernsteinaugen, schwarzes Fell
und zwei Stimmchen wunderhell.

Kratzbaum, Schutznetz, Gummibälle,
Katzengras und Futterstelle,
meine Wohnung wurde gleich
umgebaut zum Katzenreich.

Nichts mehr sollten sie vermissen,
doch das konnten sie nicht wissen.
Sehr begrenzt war das Revier,
fremd der Mensch. Was soll man hier?

Hastig suchten sie Verstecke,
hockten ängstlich in der Ecke,
kamen nur bei Nacht hervor,
schnupperten an meinem Ohr.

Schien der Vollmond in das Fenster,
dann erwachten die Gespenster.
Poltergeister balgten sich,
jaulten laut und fürchterlich.

Eilends war die Nacht verstrichen,
als sie aus den Körbchen schlichen,
und als Morgengruß, oh weh,
krallten sie mich in den Zeh.

Und die Katzenpflegemutter
reichte Wassernapf und Futter.
In der Wohnung ganz allein
fängt man keine Mäuse ein.

Fleißig putzte ich die Zimmer,
trotzdem: Sauber war es nimmer.
Auch das frische Katzenklo
machte nur die Katzen froh.

Doch vergaß ich nicht zu schmeicheln,
dankbar ließen sie sich streicheln,
strichen sanft um meine Knie.
Dafür gab es Leckerli.

Wenn wir nun an frohen Tagen
durch die ganze Wohnung jagen,
fühlt sich keiner mehr allein.
Was braucht’s mehr zum Glücklichsein?

(Bild: Franz Marc, Zwei Katzen)
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5
Jun
2009

Der junge Mann und das Mädchen

Murder

Sie trafen sich auf einem Fest
und riefen: "Hoch die Tassen!"
Sie tanzten ausgelassen,
ein Glas Absinth gab ihr den Rest.

Er war ein hübscher junger Mann
mit schmalen blassen Händen.
Sie wollte sich verschwenden
und nahm ihn mit sich irgendwann.

Sie wachte auf in seinem Arm,
er sah auf sie hernieder,
dann liebten sie sich wieder.
Sein Körper war so weich und warm.

Er hatte Witz, er hatte Geist
und keinen Cent auf Tasche,
griff manchen Tag zur Flasche.
Doch sie verzieh es ihm zumeist.

Sie ging zur Arbeit früh um fünf,
er schlief noch wie ein Engel
und war doch nur ein Bengel.
Stumm stopfte sie ihm seine Strümpf.

Die Liebe, sie macht dumm und blind.
Sie stellte keine Fragen,
wollt alle Last ertragen.
Dann hieß es, sie bekäm ein Kind.

Da machte er sich flink hinweg
und kehrte niemals wieder.
Nachts sang sie Wiegenlieder
und kam sich vor wie ein Stück Dreck.

Der junge Mann ist beim Papa
dann flugs zu Kreuz gekrochen
und schon nach ein paar Wochen
war eine Braut mit Mitgift da.

Sie feierten ihr Hochzeitsfest
mit Pauken und Trompeten.
Er kam nicht mehr zum Beten,
sechs Schüsse gaben ihm den Rest.

Nun wiegt sie sacht ihr kleines Kind
in einer dunklen Zelle.
Ein Lied, vergnügt und helle,
trägt in die Nacht hinaus der Wind.

(Bild: Ruth Ellis)
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1
Jun
2009

du glaubst ich bin

feuerbach

du glaubst ich bin
eine mit der man pferde stehlen kann
und ein paar pullen wodka im supermarkt
aber ehe du mir küsse raubst und mehr wisse
unter meinem aufgeknöpften holzfällerhemd
halte ich stets die blanke axt griffbereit
um dich von deinem köpfchen zu befreien
gut holz

weißt du ich bin
eine chimäre mit fischblut in den adern
mit einer brust und drei medusenhäuptern
sechs adleraugen und drei löwenmäulern
ich schlage meine giftigen gelben reißzähne
blutgierig in dein blasses mattes fleisch
das so betörend nach verwesung duftet
mein hänsel

ich bin
eine die heute ein grab geschaufelt hat
auf in die spelunke da saufe ich mich blind
ich enthülle meine schweißnasse brust dem
der mir stundenlang am ohrläppchen hing
schon schlaftrunken gehe ich mit ihm
auf sein zimmer im obdachlosenheim
und fertig

(Bild: Anselm Feuerbach, Die Amazonenschlacht)
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29
Mai
2009

Morgens in Berlin - Una mañana en Berlín

Prenzlberg

Der Morgen graut, die Taube gurrt,
die Stadt erwacht zum Leben.
Der Wecker schrillt, die Katze schnurrt,
sie muss sich nicht erheben!

Der Himmel ist ne dicke Wand,
drauf malen Krähen Kreise.
Hab schon ne Kippe in der Hand,
der Kaffee tröpfelt leise.

Der Müllcontainer scheppert roh,
die Katz jagt durch die Räume,
das Frauchen hastet ins Büro.
Verpufft die süßen Träume.

Die Masse quetscht sich ungestüm
in engen U-Bahn-Schächten.
Im Wagen riecht es nach Parfüm
und nach durchzechten Nächten.

Die Ampel zeigt schon wieder rot,
ich werd es grad noch schaffen.
Da fährt ein Raser mich fast tot
und die Passanten gaffen.

Ach, könnte ich ein Kätzchen sein,
ich finge große Hummeln
und legte mich ins Körbchen rein,
den Morgen zu verbummeln.

Una mañana en Berlín

La mañana amanece, la paloma arulla,
la ciudad se desentumece.
El despertador chirría, el gato ronronea,
el no tiene que levantarse.

El cielo es una pared gruesa
en la que los cuervos pintan círculos.
Ya sostengo un pucho en la mano,
el café gotea silencioso.

El contenedor de basuras tabletea fuerte,
el gato corre por las piezas,
la dueña va a la oficina a toda prisa.
Perdidos los sueños dulces.

La muchedumbre se apretuja impetuosa
en los accesos a la estación del metro.
En el vagón huele a perfume
y a noches de parranda.

El semáforo está en rojo otra vez,
conseguiré llegar a tiempo.
De repente un loco casi arolla a mí
y los transeúntes papan moscas.

Ah, si pudiera ser un gatito,
agarraría abejorros grandes
y me acostaría en la cesta
para desperdiciar la mañana.

(Bild: Berlin, Eberswalder Straße/Schönhauser Allee)
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Verkehrszeichen

Dust

Ein Mensch zieht fort von Ort zu Ort.
An einem seidnen Faden hängt
sein kleines Leben.

Am Kreuzweg fragt er sich sofort,
wie er sich ein paar Bauern fängt.
Das ist sein Streben.

Was nützt’s dem größten Krokodil,
hat es auch zehnmal Blut gerochen,
kommt es doch zahnlos angekrochen,
fällt mal der Vorhang in dem Spiel.

Der falschen Wege gibt es viel,
bis dieser kleine Mensch erkennt:
Sein Leben ist im Nu verpennt.
Was war sein Ziel?

(Bild aus: Theodoros Angelopoulos, The Dust of Time)
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